01.07.2010 | Artikel von   Facebook flickr Twitter

Deine Bilder machen Nachrichten!

Qualitätsjournalismus – dieser Begriff geistert nicht erst durch die Medien, seitdem die Bild-Zeitung ihren Leserinnen und Lesern vor 4 Jahren 500 Euro für ein bundesweit gedrucktes Foto in ihrer Zeitung verspricht. „Lohndumping„, schreit der Deutsche Journalistenverband zugleich. Trotzdem geht es darum, Kasse zu machen. Das will auch Tvype – ein Unternehmen, das eure Fotos sucht, allen Redaktionen zugänglich macht und neben Ruhm und Ehre auch Kohle verspricht.



Wir alle erinnern uns an Katastrophen, wie den Tsunami Weihnachten 2006, der an der Küste Thailands für Chaos und Leid sorgte. Viele der Aufnahmen, die danach im Fernsehen ausgestrahlt wurden, sind von Urlaubern gemacht worden – also Material, das von Amateuren erstellt und trotzdem gut genug ist, um für die Medien interessant zu sein. Tvype will diesen Aufnahmen der sogenannten Bürgerreporter eine Plattform bieten, damit das Material schnell in die Redaktionen kommt.



Hier schlägt der Deutsche Journalistenverband Alarm. Amateurfotografen hätten meist keine Kenntnis von medienethischen Aspekten und schaden im Zweifel dem Berufsstand der professionellen Bildjournalisten, heißt es vom Verband. Gewollt oder ungewollt – Bürgerreporter tragen so gleichzeitig zum Honorardumping bei. An Qualität will es Tvype allerdings nicht mangeln lassen. Fotoredakteure bewerten jedes Bild nach Relevanz und medienethischen Gesichtspunkten. Das hat auch die EU überzeugt. Neben einem großen Investor unterstützt sie den Start der Plattform mit 100.000 Euro.

So läuft es ab: Nur Mitarbeiter von Zeitungen, Sendern und Onlinediensten können die aktuellsten Clips einsehen und bei Interesse zuschlagen. Der Bürgerreporter selbst legt den Preis fest, Tvype legt einen Aktualitätsbonus oben drauf, der mit fortschreitender Zeit wieder fällt. Exklusive Clips kosten eine Redaktion extra. Bei lokalen Inhalten seien 10 bis 50 Euro möglich, bei Inhalten, die auch überregional interessant seien, könnten zwischen 500 und 5.000 Euro fließen. Je nach Brisanz, wie Tvype-Gründer Daniel Holle im Gespräch mit der Zeit verrät.

Der Markt der potenziellen Bildjournalisten ist groß. Jeder von euch läuft täglich mit seiner Kamera über Feld und Wiesen, durch dicht besiedelte Stadtstraßen oder durch den Urlaubsort. Euch entgeht kein Unfall oder, wie momentan von Tvype als Bildmaterial empfohlen, wie ein Kevin Kuranyi auf Ibiza in der Sonne liegt und sich bräunt, während seine Fußballkollegen in Afrika um den WM-Titel kämpfen. Aber auch beim Schützenfest, der hiesigen Kirmes oder einer Sportveranstaltung haben unzählige Menschen ihre Kamera dabei – und alle haben Erfahrung damit, Bilder schnell verfügbar zu machen. Deshalb interessiert mich:

• Wie interessant ist dieses Konzept für euch?
• Wie lukrativ und zugleich zeitaufwendig stellt ihr euch die Tätigkeit als Bürgerreporter vor?
• Ist der Journalisten-Verband zurecht besorgt (Qualität und Honorardumping)?

Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt.

…und nicht vergessen: Das oberste Gebot, auch für jeden Hobby-Reporter, heißt: Gegenseitiger Respekt.

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Kategorie: Fotografie

Kommentare

yothales sagt:

Das Thema hat mich seit letztem Samstag auch beschäftigt. Ein Kleinflugzeug ist auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof notgelandet und dabei über meinen Grill und Kopf geflogen. Zuerst dachte ich an möglichen twitter-Ruhm, dann daran wie ich hätte die Bilder, die ich nicht gemacht habe, hätte „vermarkten“ können. „Vermarkten“ in dem Sinne, dass mein Copyright erhalten bleibt und ich als Fotograf erkennbar bleibe – sicherlich auch im Sinne eines Honorars.

Daher bin ich auf eure weiteren Kommentare gespannt.
yo

Steffen sagt:

@yothales: Ich hoffe aber nicht, dass du noch mehr „Berührungen“ mit notlandenen Kleinflugzeugen haben wirst 😉

Tobias P sagt:

Ich weiß nicht so recht.
Das ganze kommt mir eher so vor, als würde aus dem Fotograf ein Paparazzi. Oder noch schlimmer, ein Profi-Gaffer, der mit seinen vielleicht zufälligen Aufnahmen die Sensationsgier der Medien mehr als nur befriedigt. Und das eben dann noch zu den Dumping Preisen. Sozusagen eine „Foto“-Prostitution.
Ich weiß nicht. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, irgendwie aus dem Leid anderer Menschen Profit zu ziehen. Egal in welcher Weise. Oder eben andere Menschen zu „nerven“, wie eben diesen Kuranyi.
Ich würde mich schämen…

Tom sagt:

Habe mir heute morgen bei meinem Hobbybäcker um die Ecke Brötchen geholt und frühstücke gerade. Dabei entdecke ich diesen Artikel und mir dreht’s den Magen um.

Mein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2010: „Hobbyfotograf“
Mein Vorschlag für den Slogan des Jahres 2010: „Ist doch egal, reicht völlig aus“

Das Schlimme daran sind aber nicht diese Hobbytypen, die dann Milliarden von Bildern gemacht mit Handycams und irgendwelcher Urlaubsknipsen versuchen zu „vermarkten“, sondern deren Abnehmer, die mit dämlichen Erklärungen eine Notwendigkeit solcher Dienste konstatieren, um anschliessend aus der Scheisse Bonbons zu machen und obendrein von der EU dafür 100 Scheine abzugreifen.

Ich muss schon wieder kotzen. Wird mal wieder Zeit zu meinem Hobbyarzt zu gehen …

Steffen sagt:

@Tom: Es zwingt dich ja niemand zum Hobbyarzt zu gehen 😉

Tom sagt:

@Steffen: … wenn ich doch aber schon wieder kotzen muss …. meinst du ich sollte mal zu einem „richtigen“ Arzt gehen? So einem mit einer richtigen Praxis und so, so einem der das studiert hat und so … Ich weiss nicht. Ist doch egal, reicht doch völlig aus.

Peter sagt:

Ich sehe das tatsächlich auch extrem kritisch. Natürlich gibt es auch Amateure, die fantastische Bilder machen und da es ein Hobby ist auch Zeit (fast) ohne Ende da rein investieren können. Aber ich denke man muss sich bewusst sein, dass man damit auch Jobs kaputt macht und Menschen ruiniert, die davon leben müssen. Wenn es dann diese Photojournalisten bis auf eine Handvoll Ausnahmeerscheinungen gar nicht mehr geben wird, spätestens dann werden die Preise weiter gedrückt und die begabten Amateure werden abgelöst von Hobbyknipsern, die für 50 Euro und ihrem Namen unter einem abgedruckten Bild vieles machen würden. Mir würde tatsächlich etwas fehlen, wenn Storys nur noch mit Knips-Bildern bebildert würden.

Steffen sagt:

@all: Ich kann mir nicht vorstellen, dass zweitklassige Fotos irgendwann nur wegen des Preises, die Erstklassigen verdrängen können. Ein Amateur hat doch gar nicht die Ausrüstung & Ausbildung eines Profis und sollte also auch nicht die Qualität erreichen. Ohne Presseausweis, ohne Hintergrundwissen, ohne Kontakte werden die richtigen Aufnahmen eher ein Zufall sein, oder? Und wenn jemand durch Zufall an dem Ort des Geschehens die einzigen brauchbaren Aufnahmen erstellt, warum soll er nicht auch dafür Geld bekommen? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass in einer GEO auf einmal die Fotos von Hobbyfotografen abgedruckt werden, nur weil diese günstiger sind.

Jan sagt:

Ja, interessante Entwicklung dieses Tvype… und in meinen Augen nicht gerade eine Gute.
Die Bildreporter haben bereits gezeigt, was für Auswirkungen so ein privater Sensationsjournalismus hat. Ich meine mich noch an ein Bild zweier Rettungsdienstler erinnern zu können, die eine freie Minute nutzten, um sich in der Sonne auszuruhen, dabei fotografiert wurden und promt als „Faul“ in der Bild auftauchten.
Wenn das jetzt zunehmen sollte, würde es zunehmend schwierig werden, qualifzierte Beiträge zu finden, gerade bei kleineren, regionalen Ereignissen.
Auf der anderen Seite haben vielleicht so auch kleine, regionale Ereignisse die Möglichkeit sich mit guten Bildern in der Presse zu etablieren.

Ich mach selber auch Fotos von Bränden, Verkehrsunfällen, Überschwemmungen,… – aber ich mach das im Rahmen einer kontrolierten und (in meinen Augen) sinnvollen Öffentlichkeitsarbeit für das Technische Hilfswerk. Das mache ich dort ohne jede finanzielle Gegenleistung.

Das Gute daran ist, das ich es so vor allem auch mit meinem Gewissen vereinbaren kann – denn ohne jeden Grund einfach einen Unfall zu Fotografieren, ist für mich Voyeurismus und Sensationsgier.
Daraus dann – und somit aus dem Leid anderer – Ruhm und vor allem Geld zu scheffeln, fände ich durchaus verwerflich.

Ich zumindest würde meine Bilder nicht auf dieser Seite hochladen.

Steffen sagt:

Ich finde gut, dass ihr euch so kritisch mit dem Thema auseinandersetzt!

Zu den „Bildreportern“ möchte ich noch anmerken, dass ich bei der Veröffentlichung von Fotos nicht nur die Verantwortung beim Fotografen sehe, sondern auch bei der Redaktion, die sich letztendlich dafür entscheidet das Foto zu bringen und vor allem wie in Jan’s Beispiel aus dem Kontext zu reißen.

Peter sagt:

@Steffen: Doch, ich kann mir gut vorstellen, dass zweitklassige Bilder größtenteils die erstklassigen verdrängen. Etwas ähnliches passiert doch auch im Bereich Portrait- und Hochzeitsfotografie. Ich vermute es werden sowohl im Photojournalismus wie auch in der Portrait- und Hochzeitsfotografie nur wenige wirklich absolut erstklassige Fotografen übrig bleiben, die sich ihre Genialität bezahlen lassen können und der Großteil der ganz guten (aber eben nicht auß0erordentlich genialen) Fotografen wird nicht überleben, weil in diesem Segment im Zweifel dann eben doch der Onkel mit der tollen Kamera beauftragt wird.

Uwe sagt:

Ich denke, das das Grundproblem nicht die Bürgerreporter sind, sondern der Verfall unserer Medien. Man hat die Leute jahrelang an ein immer weiter sinkendes Niveau gewöhnt, das solche Entwicklungen erst möglich macht. Qualität ist doch in manchen Medien schon länger kein entscheidendes Kriterium mehr.

Andererseits sind die Leser selbst mit dran schuld. Wer will denn immer mehr Sensationsnachrichten?

Da ködert man natürlich gerne die geneigte Leserschaft, um sie zum Mitmachen zu bewegen. Als Dank winkt der Ruhm und ein Trinkgeld. Und man lagert gleich noch einen ganzen Teil der rechtlichen Verantwortung aus. Ich denke, das ein Großteil der Bürgerreporter nicht mal ansatzweise weis, auf was er sich da einlässt.

Nach den vielen qualifizierten Kommentaren bleibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Ich kann mich nur noch den meisten Meinungen hier anschließen. Meine erste Reaktion ist auch eher negativ. Ich kann nur voll mit Tobias P mitgehen.
Hobby- und Möchtegernfotografen (nennen wir sie lieber „Fotografierer“) können Qualität und Professionalität leicht preislich unterbieten. Und die steile Bergfahrt der Medien in Sachen Recherche und Qualität wird durch sowas nur noch beschleunigt.
Eigentlich ist es eine zu erwartende Analogie: Zuerst gab es Journalismus und dann kamen die Blogger. Tausende, ja Millionen Menschen müllen das Netz mit ihren belanglosen Kommentaren und Ansichten zu, halten sich für große Meinungsmacher und wollen im Journalismus mitspielen. Und was machen die Medien? Die passen sich dem niedrigeren Niveau an und bringen immer flachere und hetzerische Schlagzeilen. Und jetzt kommen die Fotografierer. Und wieder ziehen die Medien mit und begrüßen dieses Angebot an billigem Low-Budget-Material. Ich fürchte auch, daß es den wirklich guten leuten, den echten Profis noch mehr Luft zum atmen nimmt, in dem ohnehin schon immer enger werdenden Markt.
Und ja Uwe, die Medien tragen selbst eine große Verantwortung, aber wie Du ja schriebst, scheren die sich keinen Deut darum.
Und auch der geneigte BILD-Leser, der dieses Blatt nachwievor zum auflagenstärksten Deutschlands macht, trägt seine Teilschuld.
Bei all der Negativität noch eine Anmerkung: Was ist, wenn bei einem wichtigen Ereignis keine professionellen Fotografen anwesend sind? Wer dokumentiert Geschichte? Ob es eine Katastrophe ist, ein Unfall oder ein Naturereignis: Sollte man nicht die Möglichkeit haben, auf private Fotodokumentation zurückzugreifen, wenn es keine professionelle gibt? Sollten wir wirklich den Verlust von wichtiger Dokumentation riskieren, weil die Fotografierer und Blogger ausgesperrt werden? Es ist eine Zwickmühle in der Tat. Aber es gäbe diese Zwickmühle nicht, würden die Medien verantwortungsvoller handeln. Würden sie mehr auf Qualität achten, hätten die Profis auch weiterhin ihre Stulle auf dem Teller. Und wenn kein Profi zur Stelle war, könnte man immernoch auf derlei Amateurdienste zurückgreifen. Allerdings wird es diese Disziplin nicht geben. Und der Leser, der diese Entwicklung indirekt lenkt, wird auch weiterhin mit jedem mittelmäßigen Foto zufrieden sein, solang es was zu gaffen gibt.

Steffen sagt:

@der andere Jan:

… und dann kamen die Blogger. Tausende, ja Millionen Menschen müllen das Netz mit ihren belanglosen Kommentaren und Ansichten zu, halten sich für große Meinungsmacher …

Das ist ganz schön stark verallgemeinert 😉

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