03.03.2010 | Artikel von   Facebook flickr Twitter

Fotografieren als Herzensangelegenheit

Dass Frauen von der Venus kommen und Männer vom Mars, wissen wir schon lange. Die unterschiedlichen Blickpunkte zeigen sich auch immer wieder in der Fotografie. Steffen und ich haben uns aber gefragt, wie junge Fotografinnen und Fotografen die Welt durch ihren ganz persönlichen Sucher sehen. Was treibt sie an, wonach suchen sie und wovon träumen sie – wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, sich Gehör zu verschaffen und ihre Fotos zu zeigen. Deshalb widmen wir ihnen eine eigene Serie: Junge Fotografen im Fokus.



Den Anfang macht die 18-jährige Nadine (Flickr). Aber lest selbst…




Hallo Nadine, schön, dass Du dabei bist. Kannst Du uns kurz erzählen, wer Du bist.
In meinem Personalausweis kann man lesen: Nadine Reinwardt; geb. am 07.07.91 in Templin; grüne Augen; 166 cm groß…
Ich denke jedoch, es ist treffender zu sagen, dass ich mich noch inmitten eines Selbstfindungsprozesses befinde. Sowohl was meine Photographie und meine(n) Beruf(ung) angeht, als auch den ganzen Rest. 🙂

Auf Flickr findet man Dich unter dem Namen „herzensangelegenheit“ – was hat das zu bedeuten?
Nun 🙂 … vielleicht ist er als Kurzbeschreibung meiner Photographie zu begreifen. Vielleicht aber auch als Vorwarnung für all jene, die bei mir nach technischer Perfektion suchen. Diese Menschen muss ich enttäuschen. Es ist nicht mein Ziel und man sollte sich daher eher die Frage stellen, wie wichtig die Technik noch ist, wenn das Herz photographiert…


Vielleicht romantisiere ich die ganze Sache auch etwas zu stark, aber für mich ganz persönlich hat ein gutes Bild weniger mit der richtigen Kamera(einstellung) zu tun. Die Kamera ist nur ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck. Wer dahinter steht ist von Bedeutung und was er zeigen und ausdrücken möchte. Manche Bilder funktionieren besser mit einer Hasselblad und andere lassen sich nur mit einer Wegwerfkamera aufnehmen. Es ist also eine Herzenssache – abhängig von Gefühlen und Emotionen.
Darum der Name.

Wenn wir schon dabei sind: Wie lange fotografierst Du eigentlich schon bzw. wie bist Du dazu gekommen?
Da ich mich gerade mal seit 5 Jahren mit der Photographie, mehr oder weniger ernsthaft, auseinandersetze, würde ich mich noch zu den Anfängern zählen. Wirklich entdeckt habe ich die Magie der Bilder erst mit 13. Mein Vater hat sich damals eine neue Kamera zugelegt, eine kleine Digitalkamera, und mir war es verboten, diese zu benutzen.
Naja, wie Kinder nun mal sind, habe ich sie dann heimlich aus dem Schrank genommen und damit herum experimentiert. Irgendwann hat mich dann jemand auf die Fotocommunity aufmerksam gemacht, wo ich die Bilder erstmals zur Diskussion gestellt habe. Ich denke gerade dieses Feedback und die guten Worte einiger lieber Menschen haben mich dazu motiviert, das Ganze fortzuführen und mein Sehen, den Blick für meine Umwelt zu verändern. Nach 2 Jahren habe ich dann die Seiten gewechselt. Von grau zu weiß. FlickR bietet mir einfach so viel mehr. So viele Menschen, darunter so viele unfassbar gute Photographen aus allen Teilen dieser Welt.


Ich war schon immer Autodidakt, auch im Bereich der Photographie. Mit Lehrbüchern und Rezepten für „gute“ Bilder konnte ich hier nie viel anfangen. Vielleicht rührt daher mein Unverständnis für technische Details und Perfektion 😉
Wirklich wichtig ist möglicherweise dennoch, sich viele, viele, viele Bilder von anderen Leuten anzuschauen. Wirklich anzuschauen und sich dann zu fragen, warum einem dieses oder jenes gefällt oder eben nicht gefällt. Irgendwer hat mal gesagt, dass die ersten 10.000 Photos, die schlechtesten seien…
Da ist vielleicht was dran 🙂 … Also nicht so viel nachdenken beim photographieren, einfach machen und Erfahrungen sammeln.

Passend ist auch der Satz:
„Wenn ein Moment irgendwas in mir auslöst, dann löse ich aus.“
Das möchte ich so unterschreiben und im Raum stehen lassen.


In Deinem Flickr-Profil habe ich gelesen, dass Du Fussel und Staub auf gescannten Analog-Fotos liebst. Ist die analoge Fotografie etwas, das Dir am Herzen liegt?
Wenn ich oben noch gesagt habe, dass es eigentlich unwichtig sei, welche Kamera man benutzt, so muss ich an dieser Stelle gestehen, dass mir die analoge Photographie unendlich viel mehr gibt, als die Digitale. Auch wenn ich selbst digital photographiere…
Die Diskussion ist endlos und keine Neue, ich weiß 🙂
Die Gründe, warum mich die Analogphotographie im Normalfall stärker fasziniert und verzaubert sind vielfältig. So vielfältig, wie die Photographie selbst. Zum einen gefällt mir der Gedanke, dass ich nachvollziehen kann, wie das Bild entsteht. Bei Alfons (meiner digitalen Spiegelreflex) kann ich Dir um ehrlich und auch genau zu sein, beim besten Willen nicht erklären, wie aus dem Licht ein Haufen Pixel wird…


Um auf die Fussel und den Staub zurückzukommen – ich mag diese technische Unperfektheit. Das macht das Ganze persönlicher, einfühlsamer, eindringlicher. Außerdem mag ich den Gedanken, dass die Photographie einen einzigen Augenblick einfriert, ein Gefühl festhält, das sofort wieder verschwunden ist. Ganz besonders bei Polaroidbildern wird dies deutlich. Das Photo kommt vorne raus und ist dann einzigartig. Digitalphotos lassen sich jederzeit nachbestellen und vervielfältigen, das geht beim Pola nicht.

Alles in allem fällt es mir unheimlich schwer, das Ganze überzeugend in Worte zu fassen. Es ist einfach so und punkt. Die Wahl bleibt natürlich jedem selbst überlassen, aber alle, die analog photographieren, haben meine größte Anerkennung und meinen größten Respekt.


Wie ist das bei Dir: Sprudelt die Inspiration nur so aus Dir heraus oder gibt es Vorbilder, die Dir durch die besagten Fotografie-Tiefs helfen?
Ich bin eher ein Mensch der Sprudelvariante 🙂 … Mein Problem liegt woanders. Es ist die Zeit, die mir fehlt, um all die Dinge in meinem Kopf umzusetzen. Da ich gerade an meinem Abitur bastle, kann ich mich nur am Wochenende und in den Ferien der Photographie und meiner Kreativität hingeben – das macht mich regelmäßig ziemlich traurig.

Wirkliche Vorbilder hatte ich nie. Klar gibt es Photographen, deren Werk mir besonders am Herzen liegt, aber im Großen und Ganzen versuche ich, meinen eigenen Stil zu finden, zu entwickeln. (siehe Frage 1 😉 )


Ich habe gesehen, dass Du viele (Selbst-) Porträts fotografierst. Was bedeuten sie Dir?
Schwere Frage…
Also das Übermaß an Selbstporträts soll keineswegs auf eine Selbstverliebtheit verweisen. 😉 In Wahrheit finde ich mich äußerst unphotogen und mir ist bis jetzt auch noch niemand begegnet, der es geschafft hat, ein vernünftiges Bild von mir zu machen… Aber diese Art der Photographie erlaubt es mir zu experimentieren, Dinge zu probieren, die mit einem anderen Menschen deutlich komplizierter wären. Als Modell und Photograph in einer Person fällt es mir deutlich einfacher, meine Vorstellungen und das Bild in meinem Kopf halbwegs zufrieden stellend umzusetzen. Ich sehe meine Selbstporträts als eine Art Übung für die Arbeit mit anderen Menschen. Nennt es naiv, aber ich bilde mir ein, dass es für später sehr hilfreich ist 😉


Wenn Du Dir fotografische Ziele stecken müsstest, welche wären das?
Da brauchen wir gar nicht im Konjunktiv zu bleiben. Ich habe mir allerhand Ziele gesteckt. Für dieses Jahr und überhaupt. Wie bereits erwähnt, hab ich meinen wirklichen Stil noch nicht gefunden. Ich bin ziemlich selbstkritisch und im Augenblick etwas unzufrieden mit meinen Bildern. Darum habe ich mir vorgenommen, mehr Emotion in meine Bilder zu stecken. Wie, das wird sich zeigen. 🙂 Außerdem will ich endlich diese digitale Schiene etwas verlassen bzw. die Weichen verstellen und auch einmal neue Wege gehen…
Ich denke hierbei vor allem an meine alte Polaroidkamera. Sie ist bereits älter als ich und hoffentlich noch funktionstüchtig 🙂

Danke, Nadine. Wir drücken Dir die Daumen. Bei der Serie Alte Fotografen im Fokus sprechen wir uns in ein paar Jahrzehnten bestimmt noch mal wieder 🙂

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Kommentare

Martin sagt:

Super Idee, wird sicher eine tolle Serie.
Wählt ihr die Leute selbst aus? Wie alt ist denn noch „jung“?

Besim sagt:

Nadine habe ich jetzt selbst ausgewählt. Vorschläge sind aber immer willkommen. Die Obergrenze liegt allgemein bei 26, glaube ich. Älter sollten sie nicht sein. Interesse?

Martin sagt:

Ja, klar. 🙂 Soll aber jetzt nicht so aussehen, als wolle ich mich hier aufdrängen. 😉

Freue mich auf die weiteren Interviews!

Pakami sagt:

Super Idee und sehr schöne Sache ! Schade nur, dass ich dafür wohl zu alt bin … 🙁

Besim sagt:

Ja, schade, aber es soll ja noch eine Serie folgen, in der wir Greise zu Wort kommen lassen 😉

basti sagt:

Sehr schöne Idee. Weiter so. Bin auf die nächsten Einträge gespannt. Das Alterslimit hab ich allerdings wohl auch schon lange überschritten.

Besim sagt:

Da muss ich mir doch glatt noch mal überlegen, ob wir das Ganze nicht Dekaden aufteilen… 🙂
Aber erst mal sind die jungen Wilden dran.

Aaron sagt:

Oh wie schön. Ein Interview mit sehr herzlichen Antworten. (; Ich bin auch noch jung. 😀

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