07.01.2010 | Artikel von   Facebook flickr Twitter

Martin Hülle: Abenteuer Expeditionsfotografie

Ich war Siebzehn, als ich im April 1991 zu meiner ersten mehrtägigen Wanderung aufbrach. Vier Tage durch das Sauerland. Viele Kilometer brachte ich in den Wäldern des Mittelgebirges hinter mich, schleppte den schweren Rucksack und bekam Blasen an den Füßen. Im Gepäck steckte auch meine Kamera – eine Nikon F-501, mit der ich versuchte, die Solotour durch die heimische Landschaft zu dokumentieren. Zuweilen half ein Stativ, um mich auch selbst einmal ins Bild zu rücken. Trotz oder auch gerade wegen aller Anstrengungen hinterließen die Tage und Nächte in Wald und Flur einen tiefen Eindruck, den ich später in Worte fasste und der als 6-seitiger Artikel im outdoor Magazin zusammen mit ein paar Bildern erschien. Ich war mächtig stolz auf meine erste Veröffentlichung!





In den folgenden Jahren brach ich immer wieder und immer häufiger in die Natur zu Wanderungen und Skitouren auf. Die skandinavischen Länder wurden zu meiner Lieblingsregion. Die Weite Lapplands, die karge Schönheit der nordischen Bergwelt. Mit der Zeit wuchs die Erfahrung. Und mit der Erfahrung wurden meine Touren anspruchsvoller, länger, extremer. Bald kam der Wunsch auf, nach Grönland zu wollen, um das Inlandeis auf Ski zu überqueren. Diese endlos erscheinende weiße Weite. Menschenleer und eisigkalt. Gletschertouren in Norwegen und auf Island waren letzte Vorbereitungen, dann sollte es endlich losgehen, im Frühjahr 2006.



Von analog zu digital



Mittlerweile war aus den einstigen Reisen und Fotoexkursionen in den Schulferien mein Beruf geworden. Ich war nun „Profi-Abenteurer“. Und Fotograf. Die Grönland Transversale 2006 nahmen wir zu dritt in Angriff. Über anderthalb Jahre bereiteten wir die Expedition vor, fanden Sponsoren und betrieben Öffentlichkeitsarbeit. Auf einer eigenen Webseite wollten wir von unseren Erlebnissen berichten. Auch direkt vom Inlandeis, täglich in einem Online-Tagebuch in Wort und Bild. Und da tauchte ein fotografisches Problem auf, über das ich mir bis dahin keinerlei Gedanken gemacht hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt fotografierte ich noch immer analog. Nicht mehr mit der F-501, stattdessen seit Jahren schon mit Nikons F100, doch seit eh und je Dias. Der Fuji Sensia war mein Favorit. Aber jetzt benötigten wir sofort digitales Bildmaterial. Rasch war klar: eine Digitalkamera muss her!



Meine erste Überlegung war, die „wichtigen“ Bilder nach wie vor analog zu fotografieren und zudem eine kleine digitale Kompaktkamera einzupacken, mit der ich die Web-Bilder machen könnte. Ich kaufte mir eine Canon PowerShot A610 und fing an digitale Luft zu schnuppern. Schnell war ich von der Digitalfotografie fasziniert und der Gedanke reifte rasch, die Expedition zum Anlass zu nehmen, endgültig von analog auf digital umzusteigen. Die Vorteile waren doch zu offensichtlich. Und Angst, die Elektronikkameras könnten unter den extremen Bedingungen ihren Geist aufgeben, hatte ich nicht. So kam es, dass Canons Kompakte zur Backup-Lösung wurde und ich mir auch noch eine Nikon D70s als Arbeitstier für die Expedition anschaffte. Hinzu kam das 18-200er Reisezoom von Nikon und für besondere Situationen Tokinas 12-24er Superweitwinkel. Die neue Ausrüstung bewährte sich auf einer letzten winterlichen Trainingstour in Norwegen, ich lernte die „Grundzüge der Digitalfotografie“, dann brachen wir im Mai zur Ostküste Grönlands auf.

Die Notlösung

Wir starteten in Tasiilaq, ausgerüstet mit allem überlebenswichtigen für 40 Tage. Unser Ziel, Ilulissat an der Westküste, lag 750 Kilometer entfernt. Doch vor dem Aufbruch ins Abenteuer war es die Technik, die uns beinahe doch noch einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Anders als zu Zeiten des Norwegers Fridtjof Nansen, der 1888 das Inlandeis als Erster überquerte, hatten wir neben Zelt, Schlafsäcken, Kochern und den ganzen Lebensmitteln auch allerlei High-Tech in den Schlitten. Die Fotoapparate, eine Videokamera, Notebook, Iridium-Satellitentelefon und ein Solar Panel. Mit Sonnenenergie sollten leere Akkus wieder zu neuem Leben erweckt werden. Doch das Panel, welches wir erst kurz vor dem Start gemeinsam mit dem Satfon bekamen, lud zwar das Telefon problemlos auf, nicht aber den Rest des energiehungrigen Equipments. Da Strom aus Steckdosen vor unserem Zielort nicht in Sicht war, suchten wir fieberhaft nach einer Lösung. Diese fanden wir erst kurz vor dem Aufbruch in Tasiilaq: Eine Motorradbatterie, wie sie auf Grönland im Winter in den zahlreichen Motorschlitten zum Einsatz kommt, wollten wir als Zwischenakku nutzten. Den schweren Klotz platzierte ich hinten in meinem Pulka-Schlitten, auf den ich jeden Tag auch das Solar Panel spannte. Mit Hilfe von Kabeln und Klemmen wanderte die Sonnenenergie in die Batterie, an die wir dann einen Spannungswandler anklemmten, der uns dann doch eine Steckdose lieferte, an die wir Notebook und Akkuladegerät anschließen konnten.


Routine im ewigen Eis

Bei allen möglichen Gefahren wie Gletscherspalten und Eisbären waren die Tage auf dem Eis bestimmt von einer immer gleichen Routine. Stunde um Stunde brachten wir Kilometer um Kilometer hinter uns. Was uns allerdings zu schaffen machte, waren die enormen Temperaturschwankungen von bis zu 50 Grad: In der grellen Sonne stiegen die Temperaturen am Tage bis in ungeahnte Plusgrade, um in den Nächten auf minus 30 Grad zu fallen. Die Technik schien weniger beeindruckt – es gab keine Ausfälle. Jeden Abend dann die „Büroarbeit“: Übertragen der Bilder auf ein Panasonic Toughbook, ein Notebook, das auch Widrigkeiten wie Kälte, Nässe und sogar Stürze unbeschadet übersteht. Anschließend das Foto des Tages aussuchen und einen kurzen Text verfassen. Das Bild musste ich immer noch rasch in Photoshop bearbeiten und für das Web optimieren, bevor ich es gemeinsam mit dem Text in langwieriger Prozedur mit Hilfe des Satellitentelefons, das uns als Modem diente, direkt auf die Expeditionswebseite laden konnte. Darüber verging schnell eine Stunde, bis auch ich in den kuscheligen Schlafsack kriechen konnte.



Nach zweieinhalb Wochen war der höchste Punkt auf unserer Route überschritten, der Wind drehte. Hatte er uns beim Aufstieg oft kräftig entgegen geblasen, kamen wir nun dank Rückenwind schneller und leichter voran. Die mitgeführten Parawing-Segel taten ihr Übriges dazu. In rauschendem Tempo glitten wir über den Schnee und so schafften wir die komplette Expedition in 34 Tagen. Ein Kraftakt voller eindringlicher Erlebnisse und Erfahrungen, die ich hoffte, in den Bildern eingefangen zu haben. (> Fotos)



Grönland zum Zweiten

Mancher könnte meinen, dass eine Überquerung des grönländischen Inlandeises eher ein „Einmal-im-Leben-Erlebnis“ ist. Doch der Winter, Schnee und Eis sind meine Leidenschaft – daher war ich im April 2008 zurück an Grönlands Ostküste, um ein zweites Mal und auf einer anderen Route die Westküste über das Eis zu erreichen. Bei der Expedition EISWÜSTE waren wir zu zweit unterwegs und ich hatte für den Weg von Isortoq nach Kangerlussuaq die Fotoausrüstung modifiziert. Die D70s war einer Nikon D300 gewichen und anstelle der Canon-Kompakten steckte eine D200 als Backup im Schlitten. Die Objektive waren die gleichen, dafür hatte jedoch die Energieversorgung einen Quantensprung gemacht. Anstelle der schweren Batterie-Notlösung hatten wir nun ein Solar Panel mit integriertem Akku von Off-Grid-Systems dabei, welches einfach und verlässlich alle technischen Geräte mit neuem Saft versorgte.



Und wieder machten die Anstrengungen bei der Expedition, das Ziehen der schweren Schlitten, das stundenlange Laufen, die Kälte, Wind und Sturm, das Fotografieren unterwegs zu einer großen Herausforderung. Manchmal wäre es mir lieber gewesen, die Kamera einfach in der Tasche zu belassen und ohne Foto weiter zu ziehen. Aber oft gab der Griff zur Kamera auch weitere Energie frei, da ich die Strapazen vergaß, um ein gutes Bild zu bekommen.

Über Martin Hülle

Martin Hülle ist Fotograf, Reisejournalist und leidenschaftlicher Eiswanderer. Über seine Reisen und Expeditionen erscheinen regelmäßig Bild- und Textbeiträge in namhaften nationalen und internationalen Magazinen und Zeitschriften. In seinem Blog zeigt er Fotos und berichtet über seine abenteuerlichen Ausflüge. Aktuelles ist laufend bei Twitter zu finden. Zudem ist Martin Hülle Redakteur des Online-Reisemagazins StadtLandFlucht.

Vielen Dank für den interessanten Bericht Martin!

Wenn es euch nach dem Lesen des Artikels so geht wie mir, dass euch noch die eine oder ander Frage unter den Fingernägeln brennt, dann könnt ihr sie gerne in den Kommentaren stellen. Martin wird sie dann zusammen mit meinen Fragen in einem zweiten Artikel beantworten.

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Kategorie: Fotografie

Kommentare

Flüge sagt:

Hallo,

ich habe mir den Beitrag durchgelesen und die Fotos besonders gut betrachtet. Mir gefällt das erste Foto, aufgrund der Spiegelung des Hintergrundes in der Sonnenbrille. Desweiteren ist die vereiste Bart gestochen scharf.

Ich kann mit dem Landschaftsfoto nicht so viel anfangen, weil ich keine Besonderheit erkennne, jedoch kann ich mir vorstellen, dass es wunderschön sein muss, wenn man live vor Ort ist.

MfG,

Heinz

Olaf Bathke sagt:

Wie immer, ein toller Artikel…
LG aus Kiel

gwegner.de sagt:

Hallo Martin, ein toller Artikel! Hast einen neuen RSS-Abonnenten 🙂

kiara sagt:

Da herrschen Ruhe und Harmonie. Wunderschöne Bilder – laden zum Träumen ein.

Frank sagt:

Toller Beitrag, Danke!

Lustig ist, dass Martin schon meine Heimatstadt Wuppertal umrundet hat. 😉

@Flüge
Die nicht vorhandene Besonderheit auf dem Landschaftsfoto ist im Grunde die Besonderheit: es zeigt das Inlandeis, wie es sich in jede Himmelsrichtung erstreckt – eben und weiß, endlos erscheinend, ohne Anhaltspunkte für das Auge. Ich mag dieses Bild, weil es die Ruhe dieses Ortes ausstrahlt. Und den hellen Streifen am Horizont – Sinnbild dessen, was es zu erreichen galt. Die belebte Westküste – nach der leblosen Eiswüste.

@Olaf Bathke
Danke …

@gwegner.de
Auch ein Dank! Übrigens habe ich bei Dir auch schon gestöbert … (P.S. Auch ein Dank für den Tweet)

Guido sagt:

Schöner Artikel und tolle Fotos. Macht Spaß das zu Lesen und anzuschauen. Und ich glaube, ich kann ein klein bisschen nachvollziehen, wie sich solche Exkursionen anfühlen und was Dich treibt. Ich mache bei weitem nicht sowas Extremes und mich zieht es immer in die Wärme. Aber wenn ich im Zelt irgendwo in der Kalahari übernachte, nachts die Löwen ganz in der Nähe brüllen und weiß, ich bin im Umkreis von ca. 50 km ganz allein (kein Haus, kein Mensch, kein gar nix), dann fühlt sich das unheimlich intensiv an. Und es macht ein bisschen süchtig. Spätestens, wenn man wieder 3 Wochen zu Hause ist, fängt es im Hintern an zu kribbeln und man möchte die nächste Tour planen

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