21.01.2010 | Artikel von   Facebook flickr Twitter

Martin Hülle im Interview

Vor ein paar Tagen ist hier auf lens-flare.de ein Gastartikel vom Fotografen Martin Hülle erschienen. Er erzählte uns, wie er zum Abenteurer geworden ist. Da ich das total spannend finde und mir noch einige Fragen im Kopf rumschwirrten, habe ich ihn gebeten mir Rede und Antwort zu stehen.




Wieviel Zeit im Jahr verbringst Du auf Expeditionen?
Da muss ich erst einmal sagen, dass nicht jede meiner Reisen auch eine Expedition ist. Richtige „Expeditionen“, also Reisen mit einem hohen zeitlichen und logistischen Aufwand, langer Vorbereitungsphase und in äußerst abgeschiedene Regionen waren bisher nur meine beiden Überquerungen des grönländischen Inlandeises 2006 und 2008. Diese Expeditionen dauerten beide etwa um die 40 Tage. Hinzu kamen in den Jahren dann noch Trainingstouren und kleinere Reisen. Alles in allem bin ich pro Jahr maximal ca. 3 Monate unterwegs, wenn ich alle Unternehmungen zusammen rechne. Mehr war es selten, weniger kommt aber auch vor, denn wie gesagt, nicht in jedem Jahr steht auch eine große Expedition auf dem Programm. Es kommt aber sehr oft vor, dass Viele denken, ich wäre ständig unterwegs. Dabei sitze ich die meiste Zeit des Jahres am Schreibtisch und bereite die Reisen und Expeditionen vor, schreibe Berichte darüber und bearbeite meine Fotos. Wenn ich nicht gerade zum Training oder zum Fotografieren vor der eigenen Haustüre unterwegs bin.




Welche fotografische Ausrüstung begleitet Dich?
Da schon mein Vater mit Nikon fotografierte, war es für mich klar, auch in dieses Kamerasystem einzusteigen. Nach der Konfirmation kaufte ich mir 1988 dann meine erste Spiegelreflex, eine F-501. Der folgten eine Reihe weiterer Modelle (F801s, F90x), bis ich lange Zeit mit der mechanischen FM2 und der F100 gearbeitet habe. Erst 2006 bin ich im Vorfeld meiner ersten Grönland Expedition zur digitalen Fotografie gewechselt. Aktuell nutze ich eine D300 und habe eine D200 als Backup dabei. Da ich meistens sehr auf das Gewicht der Ausrüstung achten muss, sind Zoomobjektive für mich erste Wahl. Und da ist das 18-200er von Nikon mein wichtigstes und meist genutztes Objektiv. Auch wenn mich die starke Verzeichnung und die unscharfen Ecken stören – es ist einfach total praktisch. Hinzu kommt das 12-24er von Tokina. Zudem schleppe ich ein Velbon Carbon-Stativ samt Magnesit Kugelkopf von Cullmann mit mir rum und habe natürlich auch einen Bilddatenspeicher im Gepäck. Dazu der übliche Kleinkram wie Graufilter, Funkfernbedienung und diverse Sandisk Extreme Speicherkarten.

Auch wenn Du im Blog von Olaf Bathke schon ausführlich über das „Warum“ geschrieben hast, kannst Du noch mal kurz erklären, wieso Du eine Kamera mit cropped Sensor bevorzugst?
Ein wichtiger Grund ist das schon erwähnte Gewicht. Um die qualitativen Vorzüge einer Vollformatkamera richtig ausnutzen zu können, müsste ich die entsprechenden Objektive mitschleppen. Aber die sind groß und schwer. Und solch ein Superzoom wie das 18-200 gibt es für das volle Format auch nicht – ich müsste also häufiger die Objektive wechseln. Ob ich da in einem Schneesturm aber Lust zu hätte? Solange ich meine fotografischen Ansprüche, und die meiner potenziellen Kunden, mit dem DX-Format abdecken kann, spricht wenig dafür unbedingt zum FX-Format aufsteigen zu müssen. Und um das auch noch von einer anderen Seite zu betrachten: Eine Verbesserung meiner Bilder findet nach wie vor wohl eher über die Bildinhalte statt, als durch einen größeren Sensor und lichtstärkere Objektive.

Hat Dich schon mal ein Body oder ein Objektiv unter den extremen Temperaturbedingungen im Stich gelassen?
Bislang ist es fast immer gut gegangen. Vor allem auf den „wichtigen“ Reisen und Expeditionen, wo unbedingt gute Bilder entstehen mussten. Feuchtigkeit zwischen den Linsen im Objektiv hatte ich aber auch schon – was die Fotografie dann für einige Stunden unmöglich machte. Und bei einer Klettertour in den Alpen machte einmal die Mechanik meiner FM2 schlapp: Die Kamera ließ sich nicht mehr auslösen und der Film weiterspannen.

Wieviele Fotos entstehen während einer Expedition?
Im Gegensatz zu vielen anderen Fotografen mache ich wenige Fotos. Schon bei den Aufnahmen bin ich sehr selektiv und ich drücke nicht bei allem, was mir vor die Linse kommt, sofort auf den Auslöser. Dann landet direkt nach dem Blick auf den Monitor auch sogleich viel im Papierkorb. Das Verhältnis von Auslösungen zu tatsächlich gespeicherten Bildern auf der Karte geht oft weit auseinander. Bei der Grönland Transversale 2006 waren es am Ende aber weit jenseits der 1000 Bilder. In Anbetracht der eintönigen Landschaft ganz ordentlich. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich nachher immer nur eine sehr kleine Menge an Bildern heraus kristallisiert, die dann auch von Magazinen immer wieder gleich verwendet wird.

Gibt es neben dem Fotografieren auch andere Aufgaben während einer Expedition?
Es sind Sportexpeditionen, die keinerlei wissenschaftlichen Charakter haben. Daher haben wir auf Grönland auch keinerlei Messungen durchgeführt, die irgendetwas zur Erforschung des Klimawandels hätten beitragen können. Ich sehe das auch skeptisch, wenn manche, die eigentlich aus rein sportlichen Gründen und zur eigenen Befriedigung eine Expedition machen, versuchen dies ein wenig mit der „Forschung“ und einem höheren „Nutzen“ zu kaschieren. Ich bin da für eine klare Trennung: Der Wissenschaftler macht eine Forschungsexpedition, aber wer keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat, der sollte beim Sport bleiben. Da ich mit einigen Ausrüstungsfirmen zusammen arbeite ist es aber schon so, dass ich deren Produkte teste und meine Erfahrungen damit weiter gebe. Unterwegs liegt aber der Fokus auf dem Vorankommen und der bildlichen Dokumentation. Da gehört es dann, z.B. bei den Grönland Expeditionen, auch dazu, täglich ein Online-Tagebuch direkt vom Inlandeis auf die Expeditionswebsite zu stellen.


Was ist Dein nächstes großes Ziel?
Eigentlich wollte ich in diesem Sommer einen langgehegten Traum in Angriff nehmen und einmal von der Nord- zur Südküste quer durch Island laufen. Vor allem aus fotografischer Sicht wäre das auch sehr reizvoll. Doch gerade sieht es so aus, dass mir eine dritte Grönland Expedition „dazwischen kommen“ könnte. Der NDR arbeitet an einer mehrteiligen Fernsehdokumentation zum Thema „Wildes Skandinavien“, bei der es auch einen Grönland-Teil geben wird. Und in diesem Film soll auch eine Inlandeisüberquerung eine Rolle spielen. Aktuell berate ich mit einem meiner Partner der 2006er Expedition und dem Filmteam, ob wir zwei für das Projekt rasch über das Eis laufen, damit der NDR von uns die gewünschten Expeditionsfilmaufnahmen machen kann. Es wäre dann im August, 550 Kilometer in 25 Tagen. Island müsste ich dann auf das nächste Jahr verschieben.


Würden Dich nicht andere Länder, wie z.B. Kanada, oder gar andere Klimazonen reizen?
In der Wüste war ich schon. 2007 habe ich eine Wandergruppe des Reiseunternehmens „Wüstenwandern“ bei einer Tour in der Sahara begleitet. Eine Woche durch das Dünenmeer Erg Ouarane in Mauretanien. Fantastisch – die Farben und Formen der Wüste waren ein Fotografentraum. Aber ich bin ein Freund der kalten Klimazonen geblieben, wohin es mich weiterhin zieht. Nach Spitzbergen, Patagonien oder in die Antarktis.


Möchtest Du mal ein (Foto)Buch veröffentlichen?
Ja, das ist ein großes Ziel. Gut vorstellen kann ich mir ein Buch, welches meine Grönland Expeditionen zusammen fassen würde. Aber auch ein Buch über die erwähnte Island-Durchquerung wäre denkbar. Mal sehen, was die Zukunft da so bringt. Und ob ich noch mehr Bilder produziere, die auch würdig sind, in einem Buch gezeigt zu werden.


Warst Du bei einer Expedition schon mal in einer lebensgefährlichen Situation?
Zum Glück war bislang keine Situation wirklich lebensgefährlich. Auch wenn ein ausgewachsener Sturm mir im Zelt auf Grönland schon ein sehr mulmiges Gefühl „einhämmerte“. Eine Schrecksekunde erlebte ich vor zwei Jahren in Norwegen: Im White-Out – einem Wetterphänomen, bei dem man jegliche Orientierung und Sicht verliert – stürzte ich samt Pulka-Schlitten und Skiern an den Füßen über eine Kante in einen Abgrund. Ich landete einige Meter tiefer in weichem Schnee … Es ist aber auch so, dass ich nur nach optimaler Vorbereitung, bestens ausgerüstet und trainiert eine Expedition starte. Die schwierigen Touren waren Resultate langjähriger Erfahrung und eines steten Lernprozesses. Die unangenehmste Situation habe ich schon 1994 erlebt bei einer Solo-Trekkingtour in Nord-Schweden. Im Sarek Nationalpark zog ich mir einen Ermüdungsbruch eines Mittelfußknochens zu. Damit musste ich dann noch 50 km zurücklegen und die lange Heimreise bestreiten. Der Arzt, den ich dann eine Woche nach Auftreten des Malheurs aufsuchte, fragte nur, warum ich denn nicht schon früher gekommen wäre oder mich zumindest hätte tragen lassen …


Vielen Dank fürs Interview. Ich wünsche dir für deine nächsten Abenteuer alles Gute!

Über Martin Hülle

Martin Hülle ist Fotograf, Reisejournalist und leidenschaftlicher Eiswanderer. Über seine Reisen und Expeditionen erscheinen regelmäßig Bild- und Textbeiträge in namhaften nationalen und internationalen Magazinen und Zeitschriften. In seinem Blog zeigt er Fotos und berichtet über seine abenteuerlichen Ausflüge. Aktuelles ist laufend bei Twitter zu finden. Zudem ist Martin Hülle Redakteur des Online-Reisemagazins StadtLandFlucht.

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Kategorie: Interviews

Kommentare

Britta Stahl sagt:

Bin immer wieder begeistert, wenn ich verfolgen kann, dass es auch heute noch Menschen gibt, die Grenzerfahrungen machen wollen und sich der Natur stellen. Dass auch solche Expeditionen heuzutage vom technischen Fortschritt begleitet werden, kann man feststellen, wenn man liest, dass direkt von der Expedition ein Internettagebuch geführt wird! Die hier gezeigten Fotos sind jedenfall atemberaubend schön und man bekommt Lust, der „geregelten“ Welt in Deutschland mal wieder für ein Abenteuer zu entfliehen.

Guido sagt:

«Und solch ein Superzoom wie das 18-200 gibt es für das volle Format auch nicht – ich müsste also häufiger die Objektive wechseln.»

Da musst Du nur ins Canon-Lager wechseln. Für Canon-User gibt es seit 6 Jahren ein 28-300 f/3.5-5.6 USM L IS, was an einer Vollformatkamera ziemlich genau einem 18-200 an einer APS-C-Kamera entspricht. Freilich hat man an der L-Linse einiges zu schleppen…

Kalliey sagt:

Wow, sehr beeindruckend. Das hört sich super spannend und interessant an.

Volker sagt:

Hallo,

tolles Interview. Ich finde es immer wieder bewundernswert wie manche Menschen mit der Kälte klarkommen.

Ich war mal im Frühherbst im Himalaya unterwegs, nachts hatte wir Minusgrade, aber nur so, dass das Wasser etwas einfror. Aber morgens bin ich kaum aus meinem Schlafsack herausgekommen. Nur heißer Tee brachte mich dazu, langsam aus meinem warmen Schlafsack zu klettern – und da hatten wir schon Plusgrade und Sonnenschein.

Wenn ich da an Martin denke, in Grönland und nur bei Minusgraden – da wird mir schon bei m Gedanken daran richtig kalt. Ich bevorzuge da schon eher die Tropen.

Hut ab – tolle Leistungen.

Gruß
Volker

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