15.06.2010 | Artikel von   Facebook flickr Twitter

Von der DSLR zur Leica M9

Vor kurzem habe ich unseren Leser Tobias Gaulke (Flickr) etwas näher kennen gelernt. Er findet unsere Lightroom-Filmvorgaben so gut, dass er uns eine kleine Spende zukommen lassen hat. Als ich hörte, dass er gerade seine DSLR gegen eine Leica M9 getauscht hat, wurde ich hellhörig. Ich bat ihn, zu berichten, was ihn dazu bewogen hat und wie seine Erfahrungen sind. Im Folgenden könnt ihr lesen, was Tobias dazu sagt.

Leica M9 (camera porn)

Auch wenn die Fotografie für mich eine künstlerische Ausdrucksform ist und das kreative Schaffen mir immer sehr wichtig war, sind die technischen Aspekte nicht zu unterschätzen. Das beginnt mit dem Beherrschen der grundlegenden Parameter wie Blende und Brennweite, geht über Motivwahl und Bildkomposition bis hin zum passenden Equipment, das mich idealerweise beim Fotografieren unterstützt und mir nicht im Wege steht.

Ich konnte mit der Zeit von der kompakten Kamera über analoge Kameras unterschiedlichster Couleur bis hin zur professionellen DSLR alles ausprobieren, mit mehr oder weniger zufriedenstellenden Ergebnissen. Seit 2006 verfolge ich mein Hobby etwas seriöser und fotografiere seitdem ausschliesslich mit Canon DSLRs, zunächst mit der Canon EOS 400D, danach folgte der Umstieg auf die Canon EOS 5D Mark II.
Mit beiden Kameras und den eingesetzten Linsen war ich bezüglich der kreativen Möglichkeiten sehr zufrieden, aber ich sehe, je länger ich mit DSLRs fotografierte, mehrere Probleme:

– Oft habe ich oft das Gefühl, die Kamera übernimmt für mich zuviele Details beim Entstehen eines Bildes, gleichtzeitig bin ich z.B. auf den Autofokus angewiesen, da das manuelle Fokussieren selbst im grossen Sucher der 5D Mark II nicht wirklich praktikabel ist.
– DSLRs bieten mir viel zu viele Optionen, die ich nie nutze (mein Lieblingsbeispiel: Video. Was soll ich als Fotograf mit einer Videofunktion?) – von den gefühlten 101 Menüs und Untermenüs ganz zu schweigen, deren Sinn sich mir nie erschlossen hat, obwohl ich bestimmt kein Technikmuffel bin.
– Bei der Landschaftsfotografie z.B. in den Bergen ist das DSLR Equipment oft zu sperrig und zu schwer, um es auf längere Touren bequem mitnehmen zu können. Die 5D Mark II kommt in Kombination mit meinem bevorzugten Objektiv, dem Canon EF 24-70mm f/2.8 auf gute 1.8kg. Das ist für längere Gebirgstouren nicht sehr angenehm.
– Beim Fotografieren auf der Strasse ist eine große DSLR wie die 5D Mark II alles andere als unauffällig und das letzte, was ich beim Fotografieren brauchen kann, sind „Gaffer“. Zugleich wirkt die wuchtige Kamera auf manche Leute regelrecht abschreckend.

magic light

So kam bei mir der Wunsch auf, eine Kamera zu finden, die sich auf das Wesentliche beschränkt, wobei sie in Sachen Bildqualität und Bedienkomfort einer DSLR ebenbürtig und dabei nach Möglichkeit kleiner, leichter und unauffälliger sein sollte.

Über Erfahrungen mit den Kameras befreundeter Fotografen und durch ausgiebiges Nachlesen im Internet verdichtete sich meine Idee, dass eine Leica M9 vielleicht das Richtige wäre. Sie erfüllte meine wichtigsten Ansprüche – sie ist klein, leicht und leise – verfügt über einen Vollformatsensor und der angebotene Objektivpark gilt als exzellent. Und zugegeben, ich fand die M9 auch eine recht sexy Kamera, die von einer Aura der langen Fotografie-Tradition umgeben ist.

Meine Recherchen im Internet ergaben aber auch, dass der Unterschied zur Spiegelreflexkamera nicht zu unterschätzen war: kein Autofokus, hochwertigere aber auch teurere Linsen und bei den Bodies ein Preisniveau bei dem mir schwindelig wurde. Zudem berichten viele Fotografen nach ihren ersten Erfahrungen mit Messsucherkameras von einem mühsamen Weg, bis sie sich mit einer Leica zurechtfinden.

nothing to lose

Trotzdem wollte ich den Umstieg wagen und nachdem ich das nötige Geld angespart hatte, musste ich zunächst feststellen, dass man eine Leica nicht einfach im nächsten Elektromarkt kaufen geht. Selbst die gut sortierten Leica-Fachhändler konnten auf Anhieb nicht mit der M9 dienen. Die Kameras werden in einer Manufaktur in Deutschland hergestellt und es werden für den gesamten Weltmarkt (je nach Angabe) nur 30 bis 50 Stück pro Tag gefertigt. Für manche der Objektive gilt das Gleiche. So musste ich mich, nachdem ich mir meine Entscheidung schon nicht leicht gemacht hatte, weiter in Geduld üben.

Eines schönen Tages konnte dann endlich einer der von mir angeschriebenen Händler, und bei dem ich auf der Warteliste stand, die Kamera liefern und ich war bereit, meine ersten Erfahrungen mit der M9 zu sammeln. Für den Start habe ich mir ein Leica Summicron 50mm f/2.0 dazu gekauft, das ich durch ein 24er oder 35 ergänzen werde.

Die Leica M9
Ein paar Worte zur Kamera selbst: die Leica M9 ist kompakt und vergleichsweise leicht – mit dem Leica Summicron 50mm f/2.0 kommt das Set auf ca. 800g. Wer die Leica mit einer Kompakten vergleicht wird sie als schwer empfinden, das liegt am massiven Metallbody und der insgesamt extrem robusten Qualität – der Maßstab war für mich jedoch die o.g. Canon 5D Mark II.
Die hohe Verarbeitungsqualität der Leica ist auffallend, alles fühlt sich sehr hochwertig und stabil an, nichts wackelt, klappert oder macht sonst einen minderwertigen Eindruck. Optisch ist die M9 sehr unauffällig und wer sich nicht explitzit damit befasst hat, wird sie für eine alte Analogkamera aus den 1960er-Jahren halten. Keiner fühlt sich von dieser Kamera beobachtet oder bedroht – dagegen wirkt die 5D sehr wuchtig, die grossen Linsen kommen für manch einen beängstigend daher. Insofern erfüllt die Leica M9 genau meine Ansprüche.

sit and think

Die M9 im Einsatz
Die M9 ist eine Messsucherkamera. (Wikipedia: „eine Kamera, deren optischer Sucher mit einer Scharfeinstellhilfe ausgestattet ist, die mit der Entfernungseinstellung des Objektivs gekoppelt ist. Dieser Entfernungsmesser ist meist als Schnittbildentfernungsmesser oder Mischbildentfernungsmesser ausgeführt.“) Das Handling sowie der gesamte Aufbau der Kamera unterscheiden sich also wesentlich von einer DSLR. Bauartbedingt können allerdings die von mir erstrebten Vorteile erreicht werden: kleine, leichte Kameras die keinerlei Einbussen bei der Bildqualität haben. Die dazu passenden Objektive sind ebenfalls klein und leicht, bieten dazu jedoch fast keine Verzeichnungen und sind über die gesamte Palette hinweg sehr lichtstark.

Es bedarf am Anfang ein bisschen Übung, mit einer Leica zurechtzukommen. Das manuelle Fokussieren ist gewöhnungsbedürftig, wenn man lange Zeit nur mit einem schnellen Autofokus gearbeitet hat. Jedoch wird duch den „Mischbildentfernungsmesser“ das manuelle Fokussieren optimal untersützt und ich komme erstaunlich schnell damit zurecht – was ich durch den Messsucher sehen kann, lässt sich auch Fokussieren. Durch die am Objektiv angebrachten Entfernungsmarken kann ich meist für ein Sujet bereits eine Voreinstellung treffen und muss diese nur noch durch den Messsucher verfeinern. Das sehe ich als Vorteil gegenüber einem Autofokus, der auch oft mal danebenliegt.

you can tell it to everybody

Das Einstellen der Blende erfolgt am Objektiv selbst an einem Blendenwahlring, was ich sehr praktisch finde. Auch blind lässt sich treffsicher eine passende Blende wählen. Bislang habe ich meist die Belichtungszeitautomatik vorgewählt, dies möchte ich aber mittelfristig auch ändern und auch die Belichtungszeit manuell vorwählen. Auch hier ist durch das feine Einrasten am Belichtungszeitrad eine Bedienung ohne hinzusehen möglich.

Nach meinen ersten kleinen Ausflügen mit der Leica habe ich einen sehr guten Eindruck, ich kann damit in den meisten Situationen Bilder machen, die meinen Erwartungen entsprechen. Die mittebetonte Belichtungsmessung kommt mir dabei entgegen, macht jedoch komplexe Lichtsituationen bei extremen Sonnenschein mit starken Kontrasten nicht sehr einfach.

Da ich immer mit meiner einzigen Linse, dem Summicron 50mm f/2.0, unterwegs bin, musste ich mich auch dabei umstellen. Kein Zoom bedeutet, meine Bildkompostion erfolgt zu Fuß. Ein paar Schritte nach vorne oder hinten, verändern den Bildaufbau wesentlich. Aber auch das gelingt erstaunlich gut und ich bin über die Vielseitigkeit des 50mm erstaunt, sowohl bei der Street Photgraphy als auch bei Landschaftsaufnahmen leistet es hervorragende Dienste.

Nach dem Motto „ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ empfehle ich mein flickr-Album mit meinen Bildern, die ich mit der M9 gemacht habe und machen werde.

Bei Google empfehlen:

Kategorie: Fotogeschichten
%d Bloggern gefällt das:
© 2007 - 2017 lens-flare.de – Fotografie Blog is proudly powered by WordPress.